Charles Augustus Milverton

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Arthur Conan Doyle

 

Die Vorfälle, auf die ich hier zu sprechen komme, liegen schon Jahre zurück, und doch scheue ich mich noch immer, sie zu erwähnen. Lange Zeit wäre es selbst mit der größten Diskretion und Zurückhaltung unmöglich gewesen, die Tatsachen zu veröffentlichen. Aber jetzt, da die Hauptperson außerhalb der Reichweite des menschlichen Gesetzes ist, kann die Geschichte mit den gebührenden Auslassungen erzählt werden, ohne jemandem Schaden zuzufügen. Sie beinhaltet ein absolut einzigartiges Erlebnis im Leben von Sherlock und mir. Der Leser wird es mir nachsehen, wenn ich den Zeitpunkt und alle anderen Umstände verschweige, aus denen man Rückschlüsse auf das tatsächliche Ereignis ziehen könnte.

Gegen sechs Uhr an einem kalten, frostigen Winterabend waren Holmes und ich von einem unserer abendlichen Spaziergänge heimgekehrt. Als Holmes die Lampe aufdrehte, fiel das Licht auf eine Visitenkarte auf dem Tisch. Er warf einen Blick darauf und schleuderte sie dann mit einem Ausruf des Ekels auf den Boden. Ich hob sie auf und las:

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Das Gespenst von Canterville

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Oscar Wilde

Als Mr. Hiram B. Otis, der amerikanische Gesandte, Schloß Canterville kaufte, sagte ihm ein jeder, daß er sehr töricht daran täte, da dieses Schloß ohne Zweifel verwünscht sei.

Sogar Lord Canterville selbst, ein Mann von peinlichster Ehrlichkeit, hatte es als seine Pflicht betrachtet, diese Tatsache Mr. Otis mitzuteilen, bevor sie den Verkauf abschlossen.

»Wir haben selbst nicht in dem Schloß gewohnt,« sagte Lord Canterville, »seit meine Großtante, die Herzogin-Mutter von Bolton, einst vor Schreck in Krämpfe verfiel, von denen sie sich nie wieder erholte, weil ein Skelett seine beiden Hände ihr auf die Schultern legte, als sie gerade beim Ankleiden war. Ich fühle mich verpflichtet, es Ihnen zu sagen, Mr. Otis, daß der Geist noch jetzt von verschiedenen Mitgliedern der Familie Canterville gesehen worden ist, sowie auch vom Geistlichen unserer Gemeinde, Hochwürden Augustus Dampier, der in King’s College, Cambridge, den Doktor gemacht hat. Nach dem Malheur mit der Herzogin wollte keiner unserer Dienstboten mehr bei uns bleiben, und Lady Canterville konnte seitdem des Nachts häufig nicht mehr schlafen vor lauter unheimlichen Geräuschen, die vom Korridor und von der Bibliothek herkamen.« Weiterlesen

Freunde in San Rosario – oder: Wenn der Revisor kommt

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O. Henry

Der Zug in Richtung Westen traf pünktlich um 8 Uhr 20 morgens in San Rosario ein. Ein Mann mit einer dicken Ledermappe unter dem Arm stieg aus und ging schnell die Hauptstraße der Stadt hinauf. Noch andere Fahrgäste waren in San Rosario ausgestiegen, aber sie schlenderten entweder gemächlich zum Bahnhofsrestaurant oder in den Silber-Dollar-Saloon hinüber, oder sie gesellten sich zu den Müßiggängern vor dem Bahnhof.

In den Bewegungen der Mannes mit der Aktenmappe lag kein Spur von Unschlüssigkeit. Er war von kleinem Wuchs, aber stark gebaut, mit sehr hellem, kurz geschnittenen Haar, einem glatten, entschlossenen Gesicht und einem angriffslustigen Goldrandkneifer auf der Nase. Er war gut gekleidet nach der herrschenden Ostküstenmode. Er verströmte eine ruhige doch stets präsente gezügelte Energie, wenn nicht gar Autorität. Weiterlesen

Calloways Code

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O. Henry

Der New Yorker Enterprise schickte H.B. Calloway als Sonderkorrespondenten in den russisch-japanischen Krieg.

Zwei Monate lang hing Calloway in Yokohama und in Tokio herum und würfelte um Rikscha-Cocktails – oh nein, das ist nichts zum Fahren. Jedenfalls tat er nichts für das Gehalt, das ihm seine Zeitung zahlte. Aber das war nicht seine Schuld. Die kleinen gelben Männer, die die Fäden des Schicksals in den Fingern hielten, waren nicht bereit, den Lesern des Enterprise ihren Frühstücksschinken mit den Schlachten der Himmelssöhne zu würzen. Weiterlesen

The hospitable English House

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Theodor Fontane

Lie­ber klei­ner Mr. Bur­ford, wie gern ge­denk‘ ich Dei­ner! Es sind nun vol­le acht Jahr, daß ich an Dei­nem Ti­sche saß, aber Dein gast­lich Haus ist un­ver­ges­sen ge­blie­ben. Ich ha­be auch dies­mal nach Dir ge­fragt; aber man kann­te dich nicht mehr. Bist Du hin­über? Ach, mit Dir ist vie­les an­de­re noch ge­stor­ben – die gan­ze Hos­pi­ta­li­tät Dei­nes Lan­des. Mag der Tag mir wie­der le­ben­dig wer­den, wo ich zum ers­ten Ma­le durch die Gän­ge Dei­nes Par­kes schritt, und die Son­ne so freund­lich lach­te und Dei­ne Au­gen da­zu. Weiterlesen

Duelle

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 Mark Twain

I. Das deutsche Studentenduell.

 

Eines Tages erhielt mein Geschäftsträger im Interesse der Wissenschaft die Erlaubnis, mich in das Pauklokal an der Hirschgasse mitzunehmen, wo die Heidelberger Korps ihre Mensuren ausfechten: ein heller, hoher, geräumiger Saal im ersten Stockwerk des idyllisch gelegenen altberühmten Wirtshauses »zum Hirschen«.

Wir trafen daselbst etwa 50–75 Musensöhne, die sich an den langen längs der Wände aufgestellten Tischen die Zeit bis zum Beginn der Paukerei mit Kneipen, Karten- oder Schachspiel, Schwatzen und Rauchen vertrieben. Man sah fast nur farbige Mützen: Weiße, grüne, blaue, rote und hellgelbe; es waren mithin sämtliche fünf Korps stattlich vertreten. Am einen Ende des Saales war für die Paukerei ein Stück frei gelassen, und hier standen an den Fenstern 6-8 lange schmale Schläger mit mächtigen Körben zum Schutz der Hände, während draußen ein Mann damit beschäftigt war, noch eine Anzahl solcher an einem Schleifstein zu schärfen. Er verstand seine Sache, denn jeder Schläger, der aus seiner Hand kam, konnte es mit dem schärfsten Rasiermesser aufnehmen. Weiterlesen

Der Krieg – Ein Schulaufsatz

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Ludwig Thoma

Der Krieg (bellum) ist jener Zustand, in welchem zwei oder mehrere Völker es gegeneinander probieren. Man kennt ihn schon seit den ältesten Zeiten, und weil er so oft in der Bibel vorkommt, heißt man ihn heilig.

Im alten Rom wurde der Tempel geschlossen, wenn es anging, weil der Gott Janus vielleicht nichts davon wissen wollte.

Das ist aber ein lächerlicher Aberglaube und durch das Christentum abgeschafft, welches die Kirchen deswegen nicht schließt. Weiterlesen

Phantasie

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Egon Friedell

Anläßlich meiner kleinen Betrachtung ›Die steckengebliebene Poesie‹ habe ich wieder einmal eine größere Anzahl von groben Briefen bekommen. Diese kamen aber nicht, wie man glauben sollte, von Menschen, die im Naturalismus großgeworden sind und daher meine Erörterungen als eine Attacke gegen ihre Jugendliebe hätten auffassen dürfen, auch nicht von den ganz alten Herren, die wahrscheinlich geneigt sein werden, meine Ansicht als Rückkehr zum Wahren, Schönen, Guten, nämlich zur Butzenscheibe mißzuverstehen, sondern von lauter jungen Damen und Herren (die Jugend erkannte ich an der Diktion, das Geschlecht an der Orthographie). Ich vermute, daß es sich hier um Personen handelt, die die naturalistischen Dichtungen eben erst kennengelernt haben und nun mit voller Frische und Eindrucksfähigkeit neu erleben. Sie sind gewiß zu beneiden, aber ich glaube doch nicht, daß sie recht haben. Ihre Argumente sind mir schon deshalb nichts neues, weil ich sie selber vor zehn Jahren mit noch viel größerer Grobheit vorgebracht habe. Dies ist auch jener jungen Dame mit dem entzückenden lila Briefpapier nicht entgangen, die mich daran erinnerte, daß ich einmal geschrieben habe: ›Phantasie ist etwas für Kinder und Naturvölker. Das armselige ›Erfinden‹ wollen wir den Hysterischen, den Blaustrümpfen und den Köchinnen überlassen.‹ Weiterlesen

Sternickel.

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Maximilian Harden

Das Kapitalverbrechen bringt im hellen Jahrhundert nicht mehr hohen Zins. Die Konjunktur aller das Wesen unserer Zeit bestimmenden Mächte stemmt sich gegen diese Art menschenthierischer Thätigkeit und eine Gestalt vom Schlag des sobernheimer Henkersgehilfen Johannes Bückler, der an der Neige des achtzehnten Jahrhunderts, als Schinderhannes, der Schwarzalb ganzer Bezirke war und den geängsteten Markthändlern Pässe verschleißen konnte, ist heute kaum noch vorstellbar. Schon der Zwang, von der Wiege bis zur Bahre gestempeltes Papier mitzuschleppen, sich in irgendeinem Amtshaus an- und abzumelden, von jeder Schnüffelnase den Heimathschein, Militärpaß, Steuerzettel beriechen zu lassen, erschwert das ins Dunkel trachtende Handwerk; und die Schnelle des modernen Erkundungdienstes erlaubt ihm selten, in hohe Jahre zu kommen. Leicht duckt zwar Einer ins Großstadtgewimmel unter und ähnelt sich der Schlammfarbe an, in der er mindestens eine Weile athmen muß. Doch irgendwo ist er einmal photographirt worden; nach kurzen Stunden sind Alle, die ihn kennen, aufgescheucht, der zuständigen Stelle vorgeführt, vernommen; Grenzorte und Hafenbehörden zur Wachsamkeit gemahnt; Telegraph und Telephon haben gewirkt, das Bild des Verdächtigen ist verschickt, ist vom Draht übers Weltmeer geblitzt worden und auf dem finstersten Steg muß der hinkende Schächer beben, von dem Wanderer, der ihn gestern im Lichtspiel sah, gehemmt und in Haft gezerrt zu werden. Marconi ward ihm gefährlicher als der Erinyen bleicher Schwarm. Auf dem Meer durfte einst der Mörder selbst sich in wohlige Ruhe betten; bis die Ankerkette niederrasselte, konnte ihm nichts geschehen. Jetzt fluthet Nachricht heran, ebbt Nachricht zurück; kann auf dem stampfenden, schlingernden Schiff, das kein Draht einem Festland verbindet, in der nächsten Minute ein Fünkchen aufglimmen, das der Besatzung die Spur des Verbrechers hellt. Ungünstige Konjunktur. Findet deshalb der Blick in so schlechtem Geschäft fast nur noch Stümper? Kleine Leute nur, die über Zwirnsfäden stolpern und bald zwischen Netzmaschen zappeln? Bruning, Crippen, Kolbe, Sternickel, die pariser Apachen sogar, denen der Plan glitzerte, die moderne Technik, den Totfeind des Gesetzbrechers, sich zu verbünden, im Automobil durch die Raubreviere zu rasen: Alle enttäuschen das aus staunendem Grausen ihnen nachstarrende Auge; Alle scheinen, wenn die Halsschlinge der Weiterlesen

Auch ich war in Arkadien!

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Joseph v. Eichendorff

Da säß ich denn glücklich wieder hinter meinem Pulte, um dir meinen Reisebericht abzustatten. Es ist mir aber auf dieser Reise so viel Wunderliches begegnet, daß ich in der Tat nicht recht weiß, wo ich anfangen soll. Am besten, ich hebe, wie die Rosine aus dem Kuchen, ohne weiteres sogleich das Hauptabenteuer für dich aus.

Du weißt, ich lebte seit langer Zeit fast wie ein Einsiedler und habe von der Welt und ihrer Julirevolution leider wenig Notiz genommen. Als ich meinen letzten Ausflug machte, war eben die Deutschheit aufgekommen und stand in ihrer dicksten Blüte. Ich kehrte daher auch diesmal nach Möglichkeit das Deutsche heraus, ja ich hatte mein gescheiteltes Haar, wie Albrecht Dürer, schlicht herabwachsen lassen und mir bei meinem Schneider, nicht ohne gründliche historische Vorstudien, einen gewissen germanischen Reiseschnitt besonders bestellt. Aber da kam ich gut an! Schon auf dem Postwagen – dieser fliegenden Universität – in den nächsten Kaffeehäusern, Konditoreien und Tabagien konnte ich mit ebensoviel Erstaunen als Beschämung gewahr werden, wie weit ich in der Kultur zurück war. Weiterlesen